Pressemitteilung vom 10.07.2023
Bestseller-Autor Tim Pröse mit szenischer Lesung in Hamm
Er war aus München angereist, doch der weite Weg wurde ihm nicht wirklich gedankt: Tim Pröse, Bestseller-Autor und Suchender auf den Spuren von Helden der Nazizeit, musste sich im Raiffeisenforum mit etwas mehr als einem Dutzend Zuhörer begnügen. Seine "Hommage an Oskar Schindler" breitete er dennoch facettenreich und engagiert aus.
Hamm. Tim Pröse hat Jahre recherchiert, unter anderem mit dem letzten in Deutschland lebenden "Schindler-Juden" sowie mit Schindlers Witwe Emilie in Buenos Aires gesprochen, um herauszufinden: Wer war eigentlich dieser Oskar Schindler, der als deutscher Unternehmer mehr als 1000 Juden vor dem KZ (und letztlich dem sicheren Tod) rettete. Die Antwort ist kurz und kompliziert zugleich: ein Engel und ein Schuft.
In seinem Buch "Jahrhundertzeugen. Die Botschaft der letzten Helden gegen Hitler" berichtet Pröse einfühlsam von diesen Gesprächen. In seiner Lesung "Lebemann und Lebensretter - eine Hommage an Oskar Schindler" spricht er ebenso einfühlsam über diese Begegnungen, die Hintergründe und die Todesmaschinerie der Nazis, von der er trotz mehr als 200 Lesungen immer noch mit einer gewissen Fassungslosigkeit erzählt.
Mit einfachen Mitteln wie Szenenfotos und Musik aus Film "Schindlers Liste", Stimme und Körpersprache lässt Pröse den Schrecken miterleben, löst gleichzeitig einige Rätsel und räumt mit vorgefassten Meinungen auf - am wichtigsten diese: Es ist nicht vorbei, im Gegenteil, es ist mit Ukraine-Krieg und rechtsradikalen Schreihälsen wieder mitten unter uns.
Zu erklären, wie Oskar Schindler tickte, ist ebenfalls nicht einfach. Er trug stets Maßanzug und Seidenhemd, kippte den teuersten Cognac und zog eine Wolke von ebenso teurem Rasierwasser hinter sich her. Er pfiff auf die eheliche Treue und trug den roten Orden, der nur den verdienstvollsten NSDAP-Mitgliedern zuteil wurde. Und gleichzeitig gab er sein Vermögen, um 1200 Juden zu retten.
Er zog sie mit großer Geste aus Zügen und von Lastwagen, bestach SS-Schergen mit Diamanten, doch die Menschen unterzubringen, zu ernähren und zu kleiden, diese "unbedeutenden Kleinigkeiten" überließ er seiner vielfach betrogenen Ehefrau Emilie. Er begab sich fortwährend in Lebensgefahr, doch den Ring, den die dankbaren Schindler-Juden ihm aus ihrem Zahngold machen ließen, den verzockte er nach dem Krieg am Pokertisch.
Wer also war Oskar Schindler? Kein normaler Mensch, meint Pröse. Ein treuer Ehemann, ein bürgerlicher Zeitgenosse mit einem geregelten Leben hätte nicht vollbracht, was er mit seinen Listen schaffte. So lässt Pröse am Ende sein Publikum mit der Erkenntnis zurück, dass Oskar Schindler ein Zocker, ein Showman, ein nicht besonders seriöser Zeitgenosse war und trotzdem - oder vielleicht sogar deswegen - ein Held.
Nachdenklich geht man nach Hause. Auch weil man einmal mehr erfahren hat: Das Erinnern und Auseinandersetzen mit der deutschen Geschichte ist nicht vorbei. Darf nicht vorbei sein. (PM)
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