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Nachricht vom 12.03.2009    

Zahl der Bedürftigen fast verdoppelt

Rund 120 Personen, darunter 45 Kinder, besuchen im Durchschnitt den Wissener Tisch. Freitags gibt es eine warme Mahlzeit und Lebensmittel für Menschen, die von der Grundsicherung oder Hartz IV leben müssen. Sorgen bereitet die steigende Zahl der Bedürftigen den Organisatoren. Reichen die gespendeten Lebensmittel?

Wissen. Freitagmorgen gegen 8 Uhr, am evangelischen Gemeindehaus in Wissen entsteht emsige Betriebsamkeit. Die ersten Warenlieferungen für den Wissener Tisch treffen ein, die ehrenamtlichen Mitarbeiter laden aus. Im Inneren sind derweil die ersten Kräfte eingetroffen und beginnen mit der Arbeit. Es sind etwa 60 Personen, die sich freitags in den Dienst der Tafel gestellt haben, die Teams wechseln im 14-tägigen Rhythmus. Eine Gruppe kümmert sich um die Lebensmittel-Lieferungen, das frische Obst und Gemüse wird durchgeschaut und da, wo etwas nicht in Ordnung ist, wird aussortiert. Die Lauchstangen schauen nicht so gut aus, also werden sie geputzt und von den vertrockneten Hüllen befreit. Sie sind so für ein leckeres Gemüse verwendbar. Beim Obst geht es ähnlich zu. Alles, was nicht mehr in Ordnung ist, wird aussortiert. Dicke Sellerieknollen werden in Portionen geschnitten, frische Kräuter neu gebündelt, Salatköpfe geputzt und zum ersten Mal hat die Wissener Tafel auch Kartoffeln im Angebot. Tomaten, Weintrauben, Äpfel und Kohlköpfe - es füllt sich das Angebot an frischen Waren. Brot und Gebäck ist ausreichend vorhanden, hier gibt es an diesem Tag ein großes Angebot, sogar eine Kiste frischer Brötchen wurde geliefert. Milchprodukte sind in der Kühlung, auch hier wird kontrolliert und sorgfältig geschaut, ebenso bei Käse, Wurst und den Fleischwaren. Im Team sind es überwiegend Frauen, die hier jedes Teil kontrollieren, verdorbene und abgelaufene Lebensmittel werden aussortiert.
Was fehlt, sind Grundnahrungsmittel wie Mehl, Zucker, Salz, Nudeln, Reis, Öl und Margarine oder Butter. Trockenprodukte gibt es keine und auch frische Milch oder H-Milch fehlen.
Mittlerweile ist auch das Küchenteam eingetroffen, hier sind Profis ebenso wie Hausfrauen am Werk. Gelernter Koch ist Andreas Baldus. Er hat an diesem Tag den Dienst und die Arbeit beginnt. Der Speiseplan für diesen Freitag, an dem rund 120 Menschen ein Mittagessen erhalten, steht bereits fest. Auch das, was auf den Teller kommt, richtet sich nach den Spenden der örtlichen Lebensmittelhändler, den Discountern und den Metzgereien.
An diesem Freitag gibt es ein Bauernomelett mit Bratkartoffeln, Tortellini mit Fleischsoße, frischen Salat, Vanillepudding und Obstsalat. Gute Laune herrscht beim Küchenteam und ein köstlicher Duft steigt aus den Töpfen und Pfannen.
Nicht für gute Laune sorgen bei den Helferinnen und Helfern der Wissener Tafel die öffentlichen Angriffe, die in einer Leserbriefaktion in einer Tageszeitung derzeit stattfindet. "Wir sind nicht die Handlanger einer verfehlten Politik, wir wollen helfen, wo es nötig ist und tun dies aus Mitmenschlichkeit", sagte dem AK-Kurier ein Mitarbeiter. "Armut hat hier in der Region ein Gesicht und wir leisten einen Beitrag zum sozialen Frieden, wir bügeln nicht die Fehler der Politik aus, wir wollen unseren Nachbarn helfen, denen es schlechter geht als uns", gibt eine Frau zu bedenken. Es ist der christliche Grundgedanke der Nächstenliebe, der hier 60 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer aktiv werden lässt.
Der AK-Kurier trifft Pfarrer Marcus Tesch und Franz-Josef Link, beide leiten das ökumenische Projekt "Wissener Tisch". Die evangelische und die katholische Kirche sind Träger der Tafel, mit Unterstützung der Verwaltung ging man vor vier Wochen an den Start. Franz-Josef Link hat eine Statistik geführt, beim Eröffnungstag am 30. Januar waren es etwa 50 Erwachsene und 10 Kinder. "Jetzt hat sich die Zahl bei rund 120 Personen, darunter 45 Kinder eingependelt", berichtet Link. Die Personen, die eine warme Mahlzeit erhalten, sind zwischen 16 Monate und über 70 Jahre alt. "Hierher kommen viele Alleinerziehende mit ihren Kindern, wir erfahren im Gespräch so manches aus Hintergründen und von den Sorgen", sagt Link.
Die Verwaltung hat rund 112 Ausweise ausgestellt, die Kinder sind darauf eingetragen. Die Leute müssen einen Euro als symbolischen Beitrag für Essen und Lebensmittel zahlen, es wird beim Eingang kontrolliert. Kinder unter sechs Jahren sind frei. Bereits um 11 Uhr kommen die ersten Menschen, sie müssen aber noch warten. Und es passiert auch, dass es "Grenzfälle" gibt. So kommt eine Frau aus Betzdorf, sie berichtete von Problemen, die Öffnungszeiten der dortigen Tafel zu erreichen. An diesem Beispiel macht Tesch deutlich, dass es eine bessere Zusammenarbeit der drei Tafeln geben muss. "Wir müssen Gerechtigkeit herstellen, für die Betroffenen und für die Unternehmen, die spenden", meint Tesch. So könne man ein Wohnortprinzip einführen, da ist dann die Tafel Betzdorf für die VG Betzdorf, Kirchen, Daaden und die Stadt Herdorf, die Tafel in Wissen für die VG Wissen, Hamm und Gebhardshain und die Tafel in Altenkirchen für die VG Altenkirchen und Flammersfeld zuständig. Dieses Grundprinzip würde auch die Sorge um einen eventuellen Missbrauch verringern. Es würde auch zu mehr Sicherheit bei den Spenden führen, denn die Unternehmen in diesem Bezirken spenden dann für diese Tafel.
"Wir sind noch am Anfang und müssen noch Erfahrungen sammeln, aber es bereitet schon Sorgen, ob die Lebensmittel heute reichen", meinen Link und Tesch. Dringend braucht der Wissener Tisch einen Kühltransporter, denn bei vielen Lebensmitteln darf die Kühlkette nicht unterbrochen werden. Zurzeit gibt es da noch kein Problem und eine Ausnahmeregelung, aber in wenigen Wochen wird es wärmer und dann muss ein Kühlwagen die Lebensmittel transportieren. (Helga Wienand)
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Das Küchenteam im evangelischen Gemeindehaus in Wissen bereitet jeden Freitag rund 120 Mahlzeiten zu, frische Salate gehören immer ins Angebot. Fotos: Helga Wienand


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