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Nachricht vom 26.01.2019    

Kultur ist noch lange kein Auslaufmodell

Kultur muss man sich leisten können. Und wollen. Wie steht es um die Klassiker? Warum strömen die Menschen zur Ballermann-Fete, aber nicht zu Bach und Beethoven? Oder sind das nur Vorurteile? Aus Anlass ihres 50. Geburtstages widmete sich die Musikgemeinde Betzdorf-Kirchen in einer Diskussionsrunde dem Thema: „Kultur – Ein Auslaufmodell, Schnee von gestern?“

Die Akteure in der Diskussion: (von links) Wolfgang Suttner am Rednerpult, Christian Höppner, Andreas Reingen, Judith Ermert, Bernd Brato und Michael Nassauer. (Foto: by)

Betzdorf. Die Musikgemeinde Betzdorf-Kirchen feiert in der Konzertsaison 2018/2019 ihren 50. Geburtstag. Anlässlich dieses besonderen Ereignisses fand am Freitagabend (25. Januar) in der Stadthalle in Betzdorf eine Podiumsdiskussion statt. Unter dem provozierenden Titel „Kultur – Ein Auslaufmodell, Schnee von gestern?“ waren die Diskussionsteilnehmer Bürgermeister Bernd Brato, die Cellistin Judith Ermert, Professorin am Konservatorium Gent, Professor Christian Höppner, Generalsekretär des Deutschen Musikrates, und Präsident des Deutschen Kulturrates, Dirigent und Cellist, Michael Nassauer, Intendant der Philharmonie Südwestfalen und Mitglied im Fachausschuss Bildung des Deutschen Musikrates, sowie Dr. Andreas Reingen, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Westerwald-Sieg, aufgefordert, kräftig dagegen zu halten. Die Moderation oblag Wolfgang Suttner, dem langjährigen Kulturreferent des Kreises Siegen-Wittgenstein, Festivalleiter von Kultur Pur und Sprecher des Deutschen Kunstrates. Er verstand es, das interessante Gespräch zwischen Künstlern, Machern, Geldgebern und Politikern kurzweilig zu steuern.

Ohne Kultur leben die Menschen aneinander vorbei
„Mir geht es in der Kultur in Betzdorf darum, was sich hier in der Gesellschaft wiederspiegelt“, so Bürgermeister Brato auf die Frage des Moderators nach der Kultur in Betzdorf. Diese Quintessenz des Lebens, von der alle etwas hätten, sei reichhaltig vor Ort zu finden. Ob Musikgemeinde, Musikverein oder Theatergemeinde, das spiele keine Rolle. Alle würden einen wichtigen Beitrag leisten. Sie würden in der Kommune das Wohlfühlklima bilden, ohne Kultur gebe es keinen lebenswerten Raum, würden die Menschen aneinander vorbeileben. Es sei lohnenswert, langfristig zu denken. Fortschritt durch Kultur sei ein Prozess, der über Generationen gehe. Die Musikgemeinde hätte sich nicht über 50 Jahre gehalten, wäre sie nicht in der Attraktivität vor Ort für die Menschen wahrnehmbar gewesen und sei es auch heute noch. Es sei ein Glücksfall, dass Herbert Ermert und Michael Nassauer als ehemaliger und derzeitiger Leiter in der Musik zu Hause seien und sich des Themas angenommen hätten.

Über 100.000 Kinder auf Wartelisten der Musikschulen
Christian Höppner sieht es als wichtig an, dass der ländliche Raum eine besondere Stärkung erfahre, was die Bundesregierung ja auch im Koalitionsvertrag festgeschrieben hat. Geld sei ohne Ende für Fördermaßnahmen vorhanden. Im November sei eine beträchtliche Summe ausgeschüttet worden. Das löse aber nicht das Problem. Bezüglich Nachhaltigkeit gebe es große Defizite. Über 100.000 Kinder und Jugendliche würden auf den Wartelisten der örtlichen Musikschulen stehen. Die Gesellschaft begehe die Sünde, zu stark in einer „Projektitis behafteten Aktion“ zu verharren. Erst würden die Kinder begeistert, dann fehle aber die Konsequenz, einen nachhaltigen Weg anzugehen. Dabei sei gerade heute beispielhaft, was die Musik über alle Differenzen hinaus schaffen könne.



Klassik wird es immer geben
Judith Ermert äußert keinerlei Zweifel daran, dass es Klassik immer geben werde. Es stelle sich nur die Frage, in welchem Rahmen Musik zu erleben sei. Ihr sei der persönliche Kontakt zum Publikum wichtig, die Musik würde gerade in einem intimen Rahmen wahrgenommen. Die Musikgemeinde sei eine Perle, die es zu pflegen gelte. Es sei wunderbar, dass Menschen sich ehrenamtlich engagieren würden. Kinder und Jugendliche solle man sehr ernst nehmen, so Ermert, die in Kindergärten und Schulen geht und dort vorspielt und dies als eine riesige Bereicherung ansieht.

Kultur verändert sich
Für Andreas Reingen unterliegt die Kultur selbst der Veränderung. Gerade bezüglich klassischen Themen gäbe es im ländlichen Raum Defizite, weshalb die Musikgemeinde Betzdorf-Kirchen ganz sicher ein Juwel sei. Wenn man eine berühmte Kölner-Mundart-Band in ein Festzelt mit 5.000 Menschen hole, das sei schön und laufe kulturell auch ohne Unterstützung. Allerdings würde eher der austragende Verein als die Kultur unterstützt.

Im Stammland der Klassik
Michael Nassauer äußerte bezüglich der Zukunft der Kultur keine Bedenken. „Um die reichhaltige Kulturlandschaft in Deutschland, dem Stammland der Klassik, beneidet uns die ganze Welt.“ Das müsse unbedingt der Nachwelt erhalten werden. Die Politik solle die Rahmenbedingungen schaffen, aber nicht in die Inhalte selber eingreifen. Wer schon in der Kindheit Klassik gehört habe, der erinnere sich später wieder daran. Nassauer dankte Andreas Reingen als Vertreter der Sparkasse, die seit Beginn der Musikgemeinde als Sponsor mit an Bord und ein Leuchtfeuer der nachhaltigen Kulturförderung sei.

Es gab auch Musik
Die Diskussion wurde aufgelockert durch drei Musikbeiträge. Judith Ermert brachte die provozierend neuartigen und ungewöhnlichen Klänge der Sonate des deutschen Komponisten Paul Hindemith für „Cello solo, Opus 25, Nr. 3“ spannend und farbig zu Gehör. Zwei Teilnehmerinnen des Regionalwettbewerbs „Jugend musiziert“ am heutigen Samstag (26. Januar), Elise Kies (Oboe) und Julia Dide (Klavier), erfreuten die Gäste in der Stadthalle mit der „Sonate in G-Dur“ von Giovanni Bruni und dem „Allegro“ von Gabriel Prokofiev. Der junge Musiker Hyung Joo Moon begeisterte auf dem Marimbaphon mit dem „Preludium“ aus der „Cello-Suite Nr. 1“ von Johann Sebastian Bach und mit „Yellow After The Rain“ von Mitchell Peters. Mit einer Zugabe bedankte er sich für den anhaltenden Applaus.

Karl Valentin hatte das Schlusswort
Christian Höppner schloss die Diskussion, ehe sich die Zuhörer mit den Akteuren noch im Foyer der Stadthalle austauschen konnten, mit einem Zitat von Karl Valentin: „Kunst kommt von Können und nicht von Wollen, sonst müsste es ‚Wunst‘ heißen.“ (by)



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