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Nachricht vom 17.08.2019    

Als Rollstuhlfahrer am Betzdorfer Bahnhof: „Einstiegshöhe passt bei keinem Zug“

Wer als Rollstuhlfahrer von Betzdorf aus eine Zugreise antreten möchte, sollte nicht auf die Hilfe der Deutschen Bahn und ihres Personals setzen. Ganz offensichtlich stimmen hier nicht nur die baulichen Voraussetzungen nicht, um problemlos vom Bahnsteig in den Zug zu gelangen. Auch Service und Unterstützung für Rollstuhlfahrer sind nicht vorgesehen. SPD-MdL Sabine Bätzing-Lichtenthäler machte den Praxistest.

Bei der Hessischen Landesbahn haben Fahrgäste mit eingeschränkter Mobilität in Betzdorf leichten Einstieg, eine Rampe hilft. Bei Zügen der Deutschen Bahn sind Rollstuhlfahrer sich selbst überlassen. Sabine Bätzing-Lichtenthäler, MdL (rechts) ließ sich von Hermann Reeh und seiner Frau Inge informieren. (Foto: privat)

Betzdorf. „Mit der DB reisen Sie entspannt und weitgehend barrierefrei.“ Das verspricht die Deutsche Bahn in ihrem Internetauftritt. Wer als Rollstuhlfahrer von Betzdorf aus eine Zugreise antreten möchte, erlebt häufig das Gegenteil. Hermann Reeh aus Steinebach hat selbst leidvolle Erfahrungen machen müssen. Davon berichtete er jetzt der Landtagsabgeordneten Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD)bei einem Termin am Betzdorfer Bahnhof.

„Abenteuer Eisenbahn“
Reehs Ehefrau Inge ist bei Bahnfahrten auf einen Rollstuhl angewiesen. Der Zugang zu den Bahnsteigen sei noch das kleinste Problem. Diese könnten barrierefrei über Aufzüge, sofern sie funktionieren, oder den Übergang von der Park-and-Ride-Anlage erreicht werden, erläutert Reeh. Das eigentliche „Abenteuer Eisenbahn“ beginnt für das Ehepaar bei Einfahrt des Zuges. Auf der Siegstrecke verkehren neben den Talent2-Triebwagen und den Doppelstockwagen des Rhein-Sieg-Expresses (RE 9) auch die Dieseltriebwagen der Dreiländerbahn (Hessische Landesbahn). Zudem kann man dort in die Heller- und Daadetalbahn umsteigen. Egal welcher Zugtyp einfährt: Die Einstiegshöhe passt nirgendwo. Denn die Bahnsteige in Betzdorf sind niedriger als der heutige Standard. Dadurch klafft eine für Rollstuhlfahrer ohne fremde Hilfe unüberwindliche Lücke zwischen Bahnsteigkante und Zugtür.

In Kirchen ist es komfortabler
2011 hatten sich die Deutsche Bahn und die Bundesländer auf eine Reform des Bahnsteighöhenkonzepts geeinigt. Im Zuge von Sanierungen sollten Einheitlichkeit und Barrierefreiheit erreicht werden. Als Regelhöhe wurden 76 Zentimeter Bahnsteighöhe festgeschrieben. So wurden vor einigen Jahren auch in Kirchen die Bahnsteige entsprechend angepasst. Dadurch können Bahnreisende dort deutlich komfortabler ein- und aussteigen. Hermann Reeh bricht für das Personal der Hessischen Landesbahn eine Lanze: Deren Triebwagen führen eine leicht anzubringende Rampe für Rollstuhlfahrer mit, die bei Bedarf von den Zugbegleitern schnell ausgelegt wird. Beim gemeinsamen „Praxistest“ am Betzdorfer Bahnhof konnte sich Sabine Bätzing-Lichtenthäler selbst von der unproblematischen Hilfe beim Ein- und Aussteigen überzeugen.

Keine Hilfe von DB-Personal
Ganz andere Erfahrungen habe man mit der Deutschen Bahn machen müssen. „Die Zugbegleiter steigen in Betzdorf in der Regel nicht aus, so dass man mit ihrer Hilfe nicht rechnen kann“, berichtet Hermann Reeh. Eine weitere Schwierigkeit für Rollstuhlfahrer sei, dass man erst bei Einfahrt des Zuges erkennen könne, welcher Fahrzeugtyp gerade verkehre. Denn das Fahrrad- und Rollstuhlabteil befindet sich beim Talent2 in der Mitte, bei Doppelstockzügen ganz am Anfang beziehungsweise am Ende des Zuges. „Dann fängt man mit dem Rollstuhl an zu rennen – in meinem Alter nicht mehr so ganz leicht“, so Reeh. Auch auf eine Rampe als Einstiegshilfe warte man bei der DB vergebens. „Ich fahre meine Frau mit dem Rollstuhl bis an die Türe. Sie steigt aus. Ich helfe ihr beim Einsteigen. Dann hole ich den Rollstuhl nach“, erklärt er das Einstiegsritual.



Was in Köln klappt, ist in Betzdorf nicht vorgesehen
Am Bahnhof Köln gehe alles einfacher, nicht nur weil der Regionalexpress einige Minuten Aufenthalt habe und die Bahnsteighöhe angepasst sei. Es sei auch Service-Personal am Bahnhof, das notfalls helfen würde. Hermann Reeh berichtete über folgende Begebenheit am Kölner Hauptbahnhof: „Eine Zugbegleiterin des RE 9 fuhr für uns die Rampe in einem Doppelstockzug aus. Auf die Frage, wo wir aussteigen wollen, antworteten wir ‚Betzdorf‘. Sie sagte, dass sie dort aber die Rampe nicht ausfahren können. Wir sollten doch eine Haltestelle weiter bis Kirchen fahren. Wir hatten aber unser Auto in Betzdorf stehen. Also sind wir mühsam dort ausgestiegen. Hilfe haben wir dabei keine bekommen.“ MdL Sabine Bätzing-Lichtenthäler kann den Frust nachvollziehen. Die SPD-Politikerin will die Problematik umgehend dem Konzernbevollmächtigten der DB vortragen und auf kurzfristige Verbesserungen drängen. Der Einsatz von Rampen sei eine praktikable Lösung. Was bei der Hessischen Landesbahn wie selbstverständlich funktioniere, sollte die Deutschen Bahn vor keine unlösbaren Hürden stellen.

Gleis 107 bleibt Thema
Die Parlamentarierin will bei der Gelegenheit auch die „unendliche Geschichte“ des Lückenschlusses am unfertigen Gleis 107 thematisieren. Nach wie vor fehlt für die Maßnahme die notwendige Genehmigung des Eisenbahnbundesamtes. Dieses hatte bei den im Mai vorgelegten Planunterlagen Nachbesserungen beim Naturschutz und Schallschutz gefordert. Solange das Gleis 107 nicht fertig gestellt ist, müssen sich die Regionalbahn aus Bad Berleburg (RB 93) mit Endstation in Betzdorf und der Regionalexpress in Richtung Köln das Gleis 106 teilen. Da zwischen beiden Zügen nur vier Minuten liegen, hätten schon kleinere Verspätungen bei der Regionalbahn negative Auswirkungen auf die Pünktlichkeit des Zuges nach Köln. (PM)



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